The Grudge Book

Nora McInery ist eine amerikanische Autorin, die – neben ihren Büchern – auch einen wunderbaren Podcast veröffentlicht hat: “Terrible, thanks for asking”.

Ich möchte heute einen Podcast vorstellen, den ich unheimlich gerne höre, weil er wirklich schwere Themen auf faszinierende und humorvolle Art in den Mittelpunkt stellt. Nora McInery ist eine amerikanische Autorin, die – neben ihren Büchern – auch einen wunderbaren Podcast veröffentlicht hat: “Terrible, thanks for asking” (“Fürchterlich, danke der Nachfrage”).

“Terrible, thanks for asking”, der Podcast von Nora McInerny

Von „Terrible, thanks for asking“ gibt es mittlerweile über 200 Folgen und eine, die besonders viele Hörer:innen interessierte, war die Folge vom 14. September 2021. Darin beschreibt Nora McInerny, wie sie sich noch immer fürchterlich über manche Dinge aufregen könne, die ihr – zum Teil vor Jahrzehnten – widerfahren sind. Im Englischen gibt es dafür den Ausdruck “holding a grudge”, dessen deutsche Übersetzung “einen Groll hegen” ziemlich aus der Mode gekommen ist. Dabei beschreibt “einen Groll zu hegen” etwas, das wahrscheinlich jede:r von uns nur allzu gut kennt: eine heimliche, eingewurzelte Feindschaft, zurückgestauter Unwille, der durch innere oder äußere Widerstände daran gehindert ist, sich nach außen zu entladen und Verbitterung hervorrufen kann (Quelle: Duden).

„This thing happened and I need someone to know about it (…) as a sort of confession – not of wrongdoing necessarily, but of the truth. Truth is sometimes hard to give to the people closest to us. We may not want their judgement, but just as often we don’t want to burden them with them having to feel bad for us or to worry about us.“

Nora McInerny

In der Folge “The Grudge Book” beschreibt sie, wie ihr ihre Therapeutin dazu riet, ihre Groll-Momente aufzuschreiben: all die alten Erlebnisse, die sich tief in ihre Erinnerung eingeprägt haben und doch beim Erinnern wieder so lebendig vor Augen stehen, als wären sie gestern passiert – gemeinsam mit der dazugehörigen aufgestauten Wut, dem Nicht-Verzeihen-Können. Nora McInerny besorgte sich also ein Buch und begann, all diese Geschichten hinein zu schreiben, wegen denen sie immer noch einen Groll gegen die Protagonisten hegt: von einer Lehrerin vor der Klasse beschämt, von Freundinnen hintergangen, von Ex-Partnern verletzt oder von Fremden beleidigt worden zu sein.

Beim Schreiben entstand, was in der Therapie “Validieren” genannt wird: dass die eigene Reaktion als etwas anerkannt wird, dass Sinn ergibt und in der damaligen Lebenssituation absolut verstehbar war. Manche Verletzung relativierte sich etwas oder Eigenbeteiligung (z.B. an einem Konflikt) wird sichtbarer. Vor allem aber wurde deutlich, dass durch den Groll das Erlebnis nicht verjährt und dass manches bis heute so starke Wut auslösen kann, als wäre es gestern geschehen, auch wenn es 40 Jahre zurück liegt. Und: dass es etwas ist, was wir manchmal gar nicht loslassen wollen, weil die Wut uns immer noch gerechtfertigt vorkommt, auch wenn wir nicht in der Lage waren, sie damals zum Ausdruck zu bringen.

Nora McInerny hat schließlich das Buch, das mit scheußlichen Erfahrungen fast vollgeschrieben war, bei einem Flug in der Gepäckablage des Vordersitz vergessen und nie wieder zurück bekommen. Auch folgte in der Therapie kein wundersames Ritual, mit dem sie den Groll “endlich loslassen” konnte. Was mir bei dieser Folge gut gefällt, ist, dass es eben keine leichte Lösung gibt. Weder ist es schlecht, einen Groll zu hegen, noch ist es falsch, ihn nicht loslassen zu wollen. Aber es wird deutlich, wie unglaublich wohltuend es sein kann, ihn endlich einmal zu teilen! So erzählt McInerny von ihren “Grolls”, liest E-Mails von Hörer:innen und spielt Nachrichten vor, die Hörer:innen auf ihrer Mailbox hinterlassen haben. Was allen Beiträgen gemeinsam ist: man kann wirklich verstehen, wieso der Groll bis heute vorhanden ist! Man leidet mit, wird wütend, grollt mit, kann nachfühlen, dass manche Beschämung, dass manches Verhalten unverzeihlich ist.

Gemeinsam ist all diesen Erfahrungen, dass sie uns im Kern verletzt und eine Grenze überschritten haben, die uns so wütend machte, dass die Wut bis heute spürbar ist. Und: dass wir häufig diese Wut nicht zum Ausdruck bringen konnten, weil es uns unvorbereitet traf, das Gegenüber eine Autoritätsperson war, wir Rücksicht nahmen, wir uns hilflos fühlten, wir stellvertretend für Andere wütend waren, wir keinen anderen Ausweg sahen, außer, die Wut herunter zu schlucken. Und: wie verdammt gut es tut, diese Wut endlich einmal teilen zu können und damit auf Verständnis zu stoßen – und sei es im eigenen Gegenüber in einem Buch.

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