Das unbestimmte Gefühl von Verlust und Trauer

Das Gefühl unbestimmter Trauer ist für uns nicht neu, jedoch geschieht es durch die Pandemie zum ersten Mal, dass wir es alle zur selben Zeit erleben.

In der Therapie weiß man, dass integrierbar wird, was beschreibbar ist. Worte für ein Gefühl zu finden, ist der erste Schritt, dieses Gefühl in die Hand nehmen zu können, von verschiedenen Seiten zu betrachten, es in Zusammenhang zu früheren Erfahrungen zu stellen und ihm einen Sinn zu geben.

Seit Beginn der Covid 19-Pandemie begleitet mich ein unbestimmtes Gefühl von Traurigkeit, von Verlust, von Verunsicherung und Niedergeschlagenheit. Auch wenn ich dieses Gefühl mit Tatendrang zur Seite schiebe, blieb es für mich all die Monate wenig greifbar, weil ich es nicht wirklich benennen konnte. Natürlich lagen die Verluste klar auf der Hand: das Vermissen unbeschwerter Restaurantbesuche, durchtanzter Nächte: dicht an dicht auf der Tanzfläche mit lautem Bass und kreisenden Lichtpunkten der Diskokugel über´m Kopf. Sich nah sein, Nähe in Unterhaltungen, näher kommen beim Kennenlernen – oder auch einfach nur: sich die Hand reichen zu können.

“Grieving Our Old Normal” von Lindsay Crouse, Kirby Ferguson und Emily Holzknecht

Lindsay Crouse, Kirby Ferguson und Emily Holzknecht haben zu diesem unbestimmten Gefühl von Verlust und Trauer ein Video veröffentlicht: “Grieving Our Old Normal”. Hier benennen sie genau dieses Erleben als ein Gefühl von “ambiguous loss”, einem “uneindeutigen Verlust”.

At some point amid the homeschooling and the bread baking, the boredom and the terror, we lost our old selfs too. (…) Those old lifes are now gone.

“Grieving Our Old Normal” by Lindsay Crouse, Kirby Ferguson and Emily Holzknecht

Der Film beschreibt, wie sich das anfühlt. Normalerweise betrauern wir den Verlust eines geliebten Menschen. Beim unbestimmten Verlust aber ist es anders: wir betrauern den Verlust eines Teils von uns selbst. Es ist der Verlust von Erlebnissen, die wir eigentlich erwartet hatten: das gemeinsame Feiern von Geburtstagen, Hochzeiten oder Schulabschlüssen unserer Freunde und Verwandten. Und es ist der Verlust von Gelegenheiten, die wir verpassten: interessante Begegnungen, aus denen mehr werden könnte, das Entstehen neuer Freundschaften durch zufälliges Aufeinandertreffen. Einzeln betrachtet erscheinen diese Verluste als überwindbar – kollektiv betrachtet jedoch fehlt es uns allen an den schönen Momenten, die das Leben ausmacht und in Erinnerung bleiben.

How do you mourn something you never really had?

“Grieving Our Old Normal” by Lindsay Crouse, Kirby Ferguson and Emily Holzknecht

Das Gefühl unbestimmter Trauer ist für uns nicht neu, es geschieht jedoch in der Pandemie zum ersten Mal, dass wir es alle zur selben Zeit erleben. Ein Durchleben der klassischen Trauerphasen

  • Nicht-Wahrhaben-Wollen, Leugnen
  • Aufbrechende Emotionen von Wut und Zorn
  • Suchen und Sich-Trennen, Verhandeln
  • Trauer, Depression
  • Finden eines neuen Selbst- und Welt-Bezugs, Akzeptanz

hilft hier kaum weiter, denn wie kann man etwas überwinden, was noch nicht vorbei ist? Was wir aber tatsächlich tun können, ist, die klassischen ersten vier Stufen zu überspringen und direkt zu versuchen, der Situation mit Akzeptanz zu begegnen – so schwierig das auch ist.

Der Film beschreibt, wie Akzeptanz der Verluste etwas leichter fällt, indem wir den Blick auf das Neue richten, das – eher nebenbei – entstanden ist. Obwohl es sich im Moment wie ein Versuch angefühlte, “irgendwie das Beste draus zu machen”, ein “Improvisieren durch das Ungeplante”, können in diesen Momenten Schätze verborgen liegen. Wir waren zu Hause, haben vielleicht neue Hobbys entdeckt, Bücher gelesen, die im Regal verstaubten oder auch einfach nur Zeit auf dem Sofa verbracht. Diese Zeit hat uns verändert, ob wir es wollen oder nicht, und Akzeptanz bedeutet, diese Veränderung anzunehmen und in das Bild, das wir uns von uns selbst gemacht haben, aufzunehmen. Als etwas Ungeplantes, Improvisiertes, aber dennoch als Teil von uns, der uns geholfen hat, unsere Trauer über den Verlust des “alten Normal” etwas kleiner zu machen.